Schreng Schreng & La La


Speck! Speck! Speck!
Juni 4, 2013, 20:22
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Donnerstag, 30.05.2013: Kassette – Düsseldorf

Nach einem harten, aber fairen Mittwoch bei unserer Taped Souls-Party in Trier (der Mensch lebt nicht vom Singer/Songwritern allein!), erwache ich pünktlich und wie vorgesehen, wenngleich in voller Montur (inklusive Schuhen) auf meiner 1,40 Meter langen Couch im Trierer Süden. Just in diesem Moment klingelt mein Telefon. Am anderen Ende: Der Anwalt. Verwundert und gleichsam glücklich, mich bereits unter den Lebenden anzutreffen. Ich versuche es mit einem möglichst wenig verpennt klingenden „Na klar bin ich schon wach!“, lege auf und drehe mich nochmal um. Als das Telefon mich erneut aus dem Land der Träume in die glamouröse Welt der Termine von SCHRENG SCHRENG & LA LA zurückholt, habe ich noch eine halbe Stunde Zeit und melde mich bereits mit einem „Stress! Meld mich gleich nochmal…“. Der Anwalt lacht, ich lege auf. Packen, waschen, umziehen, ein Glas Rotwein und eine Zigarette – und schwups, stehe ich an der Bushaltestelle. Ich bemerke (für meine Verhältnisse relativ schnell), daß wir Feiertag haben und ich noch eine viertel Stunde auf den nächsten Bus zum Bahnhof warten muß. Der Anwalt ist mittlerweile ziemlich abgefuckt. Dabei bekomme ich heute den Zug, der direkt nach dem fährt, den ich bekommen sollte.

Am Bahnhof bleibt mir also noch Zeit für dringend notwendige Besorgungen (Zahnbürste, Dosenbier und Zigaretten). In Düsseldorf angekommen, geht es recht planmäßig zu. Bier, proben, Bier, Kuchen, los. An der Kassette angekommen, werden wir herzlich empfangen und es beginnt das übliche Soundchecken, Abhängen und Austauschen. Ich lege mich derweil für ein klitzekleines Nickerchen auf eine der vorhandenen Couchen in der Kassette und werde nach dem zweiten Song von PICNIN ON THE HILL wach. Solides Set mit zwei Gitarren und säuselnder Stimme. Dann wir… Flimm, Konfetti , Hit an Hit und die angereisten Freunde, Fans und Verwirrten danken es mit Applaus, guter Laune und zahlreichem Erscheinen. Ein toller Laden, der das leicht zu Wünschen übrig lassende Nachtleben in der Modestadt um einen Hort der Gemütlichkeit, der guten Cocktails und der guten Musik bereichert.  Danke!

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Freitag, 31.05.2013: Exil – Chemnitz

Gnaaa… 9.00 Uhr… Aaahhh… „Beeil Dich, der Zug kommt gleich!“. „Jaaa…“ Kaffee, Kippe und auf zum Bahnhof. „Frau Noormann?“ frag ich. „Steht schon am Gleis in Köln und wartet auf uns“, sagt der Anwalt. Er hat die Sache – wie immer – im Griff. Am Hauptbahnhof in Köln möchte man uns Leberwurst schenken. Wir lehnen dankend ab. Dieser Moment soll dann jedoch das weitere Wochenende begleiten, nachdem Frau Noormann uns offenbart, daß sie Leberwurst doof findet – aber Speck-Fan ist. Also Fan von allem, das nach Speck schmeckt. Außer von Speck selbst. So sei es. Unsere kleine Reisegruppe hat einen Schlachtruf:  „Speck! Speck! Speck!“. Danke Nora.

Im Zug entern wir ein eigenes Abteil und müllen es auf der Stelle komplett zu. Neben den sechs Millionen Kalorien und dem halb gegessenen Schnitzel des Vortages von Frau Noormann, gibt es noch liebevoll belegte Brötchen vom Anwalt und die Reste der brutal leckeren Reismuffins unserer bezaubernden Glockenspielassistentin Heike.

In Hannover wird noch einmal Bier nachgefasst und schon sind wir auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Die 1.FC Magdeburg-Graffitis an den Häuserwänden fallen negativ auf, ebenso wie das Wetter, das von „beinahe Sommer“ in „Armageddon“ umschlägt… Egal: Bier! Und boing: Nächster Halt Chemnitz!

Unsere zauberhaften Gastgeber holen uns ab und kutschieren uns durch das größte, zusammenhängende  Jugendstilviertel Europas (man streitet sich wohl mit Leipzig darum… Anm.d.Verf.) und vorbei an der dicken Steinmurmel, die dem in meiner Wahlheimat Trier geborenen Karl Marx zum verwechseln ähnlich sieht, zu unserer luxuriösen Behausung. Nach kurzem Check-In geht es zum heutigen Ort des Geschehens: Dem Theatercafé Exil.

Uns klappt ein wenig die Kinnlade nach unten, als wir an der ästhetisch höchst ansprechenden Lokalität ankommen und die Mundwinkel schnellen nach oben, als wir erfahren, dass wir in diesem Tempel des Interieur á la Carte essen und an der Cocktailbar ebenso frei und nach unserem Gusto trinken dürfen. Ergo gibt es für mich heute Abend Rotwein und Moscow Mule sowie Pina Coladas und gekühltes 0,33 Ltr. Becks für den Anwalt. An welches Gift sich Frau Noormann an diesem Abend überwiegend hält, entgeht leider meiner Aufmerksamkeit, aber es muss ein recht bunter Mix gewesen sein, der sie den Abschlusssuff in der sehr gemütlichen Bar um die Ecke unserer Schlafplätze sausen lassen läßt.

Das Konzert selbst verläuft von unserer Seite aus fehlerlos, überzeugend und bestens beschallt, während das Publikum sich nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Bereits bei der Lesung von Frau Noormann sehe ich mich nach der Hälfte der Distanz dazu genötigt, mich einmal kurz ins Mikrofon zu Räuspern, um den Geräuschpegel zumindest temporär einmal kurz wieder auf Null zurückzufahren. Das Team vor Ort (Sound, Theke, Küche) liefert allerdings gnadenlos gut ab, weswegen wir unserer leicht enttäuscht wirkenden Veranstalterin Jen das Köpfchen streicheln und aus ganzem Herzen versichern, dass sie uns da einen ganz und gar grandiosen Abend bereitet hat. Danke dafür!

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Samstag, 01.06.2013: AJZ Leisnig – Leisnig

Am nächsten Morgen, der für uns so gegen Mittag beginnt, werden  wir noch feinstens von unserer Gastgeberin bekocht und hängen anschliessend noch, leicht angeschlagen vom Vortag, in Chemnitz ab. Unser Tagespate Herr Dieda Dobski holt uns schliesslich ab und wir fahren gemeinsam nach Rosswein, seinem Wohnort und unserem Nachtquartier, ehe es weiter nach Leisnig geht, das recht abenteuerliche 20 Minuten von Rosswein entfernt liegt.

Wir checken zunächst in unserem Quartier, einem mittlerweilen nur noch als Jugendherberge dienenden Studentenwohnheim ein. Zum besseren Verständnis: Die FH in Rosswein, welches in den letzten 20 Jahren von 12000 Einwohnern auf 7000 geschrumpft ist, wird nun bald auch geschlossen und es ist ungewiss, wohin die Reise mit dieser Ortschaft noch gehen wird. Ambivalente Sache: Einerseits schrumpfen die Einwohnerzahlen, da die jungen Menschen in die attraktiveren Städte wie Dresden oder Leipzig flüchten, andererseits gedeiht die Subkultur auf höchst angenehme Weise, da die Menschen, die zu jung zum studieren oder wegziehen sind aus der Not eine Tugend machen und sehr  viel Herzblut in den Erhalt ihrer, in diesem Falle linke, alternative Subkultur und deren Instrumentarien (Konzerte, Juz-Kultur, etc.) stecken.

Nicht zuletzt auch ein Verdienst der „alten Garde“, zu denen auch unser alter Freund Dieda Dobski gehört, die (also ER) nach dem Fall der Mauer im Alter der Kids von heute waren und die Entstehung von Refugien wie dem Jugendhaus in Rosswein (im speziellen Falle), das Café Courage in Döbeln oder eben besagtes AJZ in Leisnig überhaupt erst möglich gemacht/aus dem Boden gestampft/der Gemeindeverwaltung aus den Rippen geleiert haben. Schöner Fakt am Rande: Der Sohn unseres Freundes (Zur Erinnerung: Wir = Alte Männer) ist ein guter Freund des Veranstalters des heutigen Konzertes. Wie schön.

So sind wir nun also wieder einmal überrascht und doch auch erneut erfreut, wie toll das alles hier mal wieder ist und wie jung das Gros der Veranstalter als auch der Festivalbesucher ist. Das Hoffest des AJZ Leisnig also. Lesezelt, eine Zeltbühne, eine Gulaschkanone (Feldküche) zur Verpflegung der Anwesenden und der Bands, eine „Hauptbühne“ im Inneren des sehr geräumigen und optisch ansprechenden Juz (es ist „verranzt“ im Sinne von „abgerockt“, was ich nicht negativ behaftet verstanden wissen will, und sehr liebevoll gepflegt – JUZ Kenner wissen, was ich meine…). Als man mir auf die Frage nach einem Pappbecher für meinen mitgebrachten Rotwein einen mitleidigen Blick zuwirft (Iro-Punker, geschätzt 15 Jahre alt, Kartoffeln schälend in der Küche sitzend) und mich, sichtlich enttäuscht ob meiner Stillosigkeit (dabei wollte ich nur nicht blasiert klingen!) auf den Schrank mit den Rotweingläsern hinweist, bin ich restlos überzeugt und in diesen Ort als auch seine Protagonisten verliebt.

Die Lesung (Frau Noormann räumt mit Geschichten über anorektische Supermodelopfer, Ex-Freunde mit Kotze in der Seele und einem imaginären Thomas Gottschalk bereits tierisch ab!) als auch unser Konzert finden auf der sogenannten Lagerfeuerbühne (Aussenbereich mit Zeltüberdachung) statt und beides findet großen Anklang bei den geschätzt 40-70 jungen Menschen. Ein toller Abschluss einer noch tolleren Tour. Ich unterhalte mich noch kurz mit einem Landtagsabgeordneten der SPD (zu Gast, sehr sympathisch, ziemlich betrunken) über strukturelle Probleme und den demografischen Wandel in der Region und  bin mir im Anschluss daran mit dem ebenso euphorisch auf diesen Abend zurückblickenden Anwalt meines Herzens und unserer liebreizenden Begleitung Frau Nora Noormann einig: Leckofanni – datt ist und war alles rischtisch geil hier. Danke, danke und nochmals danke an Philipp in Leisnig und seine Freunde. Macht bitte so weiter, gebt all das weiter und passt auf euch und die Euren auf.

Unsere nächtliche Flucht vor dem katastrophalen Hochwasser in Rosswein mit unserem zufällig auf einer Hochzeit im benachbarten Ort Döbeln anwesenden Freund Moritz nach Leipzig, wo dieser wohnt, wäre zwar noch ein spektakuläres Anekdötchen am Schluß, würde aber auch, so denke ich, den Rahmen hier sprengen… Erzählen wir euch dann gerne bei einem unserer nächsten Live-Konzert – an der Theke versteht sich.

Stay Konfetti, love Punkrock, hate Facism!

Yours truly,
Schreng Schreng & La La

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